Märchen - Der blöde Peter
Es war einmal ein Knabe, den man allgemein
den blöden Peter nannte. Seine Eltern waren frühzeitig
gestorben, und so war er aufgewachsen, ohne etwas gelernt zu
haben. Er verstand nur wie ein Singvogel zu schlagen und ahmte
den Gesang der Lerchen täuschend nach.
Eines Tages hatte Peter einen gewaltigen Hunger, er ging deshalb
in ein Bauernhaus und begehrte zu essen. Die Bäuerin gab ihm
auch die Überreste der Mahlzeit, die er auf der Erde sitzend aß.
Plötzlich kam ein Reiter daher, hielt bei dem Bauernhaus an und
fragte, welcher Weg nach der Burg führe, die der stärkste Riese
der Erde bewohne.
"Was wollt Ihr in der Burg machen?" fragte die Bäuerin, die von
der Burg wusste.
Der Reiter erwiderte: "Die goldene Schale holen, welche die
Kraft hat, dass Kranke genesen, wenn sie aus ihr trinken, und
dass Tote wieder erwachen, wenn man die Schale an ihre Lippen
hält; dann die diamantene Lanze, die alles zerbricht und tötet,
was man damit berührt."
"Wem gehört denn die Burg?" fragte Peter, und die Bäuerin gab
zur Antwort: "Dem Riesen, einem Zauberer; es wohnt bei ihm noch
ein Bruder, der ebenfalls ein Zauberer ist."
Der Reiter aber sprach: "Mir hilft der Feind des Zauberers,
jener hat mir alles gesagt, was ich tun soll."
"Was hat er Euch denn gesagt?" fragte Peter.
"Er hat mir gesagt", erwiderte der Reiter, "zuerst müsse ich
durch einen verzauberten Wald reiten, dann treffe ich auf einen
Zwerg, der ein feuriges Schwert hat und einen Apfelbaum voll
goldener Früchte bewacht, von welchen ich eine haben muss; dann
finde ich die lachende Blume, die ein Löwe bewacht. Diese Blume
muss ich pflücken und durch den Drachensee schwimmen und mit dem
Riesen kämpfen, der eine Kugel hat, die nie ihr Ziel verfehlt.
Nachher komme ich in einen Lustgarten, darf mich dort aber nicht
verleiten lassen. Dann muss ich durch einen Fluss, an dessen
anderem Ufer ich ein Weib finde. Das setze ich hinter mich aufs
Pferd, und sie sagt mir dann, was ich weiter zu tun habe."
Die Bäuerin zeigte dem Reiter den Weg, und er verschwand bald
hinter den Bäumen.
Da kam der Bauer nach Hause und fragte den Peter, ob er bei ihm
bleiben wolle, um das Vieh zu hüten. Peter sagte ja, und er
wurde nun Viehhirte.
Eines Tages sah er einen Riesen daherreiten, der hatte eine
diamantene Lanze. Peter hielt sie sogleich für die, von welcher
der Reiter gesprochen hatte. Hinter dem Riesen lief ein Füllen.
Peter sann weiter nicht darüber nach, und es vergingen mehrere
Tage.
Da kam eines Abends ein alter Mann und blieb beim Wald stehen.
Peter ging auf ihn zu und fragte: "Wer seid Ihr?"
Der Mann antwortete: "Ich bin ein mächtiger Zauberer, und mein
Bruder ist ein Riese." Er machte dann in den Sand einige Kreise
und murmelte mehrere Worte, und sogleich erschien das Füllen,
das Peter früher gesehen hatte. Der Mann schwang sich auf
dasselbe und jagte in den Wald.
Unserm Peter kam das sonderbar vor, aber er sagte keinem
Menschen etwas von dem Gesehenen. Er versuchte ebenfalls das
Füllen hervorzuzaubern; er machte deshalb ein paar Kreise in den
Sand und murmelte einige Worte, aber das Füllen erschien nicht.
Als nun Peter den Riesen am nächsten Tag wieder in den Wald
reiten sah, bekam er Lust, auch einmal nach jener Burg zu gehen.
Er hielt deshalb immer einen Zaum samt einer Schlinge bereit,
füllte einen Sack mit Federn und Vogelleim; auch streute er auf
den Weg Brotkrumen, um das Füllen aufzuhalten, da er hoffte,
dass der Riese am nächsten Tag wieder vorüberreiten werde. Der
Riese erschien auch, das Füllen roch die Brotkrumen, blieb
zurück und verzehrte sie. Als der Riese weit genug entfernt war,
warf Peter dem Füllen geschwind den Zaum um und ließ sich von
dem Füllen durch den verzauberten Wald tragen.
Bald erreichte Peter die Wiese, auf welcher der Apfelbaum stand.
Diesen sah er von einem Zwerg bewacht, der ein feuriges Schwert
hatte, welches alles vernichtete, was es berührte. Als der Zwerg
den Peter sah, stieß er einen Schrei aus und schwang sein
Schwert.
Peter aber zog die Mütze und sprach zu dem Zwerg: "Ich will zu
der Burg, weil mich der Herr derselben bestellt hat.
"Wer bist du denn?" fragte der Zwerg.
"Ich bin der blöde Peter, ein Vogelfänger, und muss nach der
Burg, um Sperlinge zu fangen, denn der Herr derselben hat mich
bestellt, und er gab mir darum sein Füllen."
Der Zwerg erkannte das Füllen des Riesen und dachte, es müsse
wohl wahr sein, und sprach zu ihm: "Nun, wenn du ein guter
Vogelfänger bist, so fange mir einige, denn ich habe hier auch
viele Sperlinge."
Peter stellte sich nun, als ob er das Füllen an den Baum binden
wollte; statt des Füllens aber band er die Schlinge an einem
Zweig fest und rief dem Zwerg, er solle das andere Ende der
Schlinge halten. Der Zwerg tat dies, Peter stieg auf den Baum,
zog die Schlinge zu, und der Zwerg war gefangen. Peter pflückte
geschwind einen Apfel, sprengte davon und ließ den an den Baum
gebundenen Zwerg zappeln.
Nach einigen Stunden kam er auf eine Wiese, auf der es viele
schöne Blumen gab. Aus der Mitte der Blumen ragte eine besonders
schöne hervor, diese war die "lachende". Der Löwe, der diese
Blume bewachte, lief sogleich vom Feld herbei und zeigte Peter
seinen Rachen. Peter zog seine Mütze, grüßte den Löwen und
fragte, ob dieser Weg nach der Burg führe.
"Und was willst du denn dort?" fragte der Löwe.
"Ich muß dem Herrn der Burg einen Sack Lerchen bringen." Der
Löwe fragte abermals: "Wie viele hast du denn?"
"Den ganzen Sack voll", erwiderte Peter und zeigte dem Löwen den
Sack, welchen er mit Leim und Federn gefüllt hatte. Dann fing er
an, den Gesang der Lerchen nachzuahmen, und dies täuschte den
Löwen noch mehr.
"Zeig mir doch die Vögel", sagte der Löwe, "ich will sehen, ob
sie für unseren Herrn auch fett genug sind."
"Sehr gern", versetzte Peter, "aber wenn ich den Sack öffne, so
fliegen sie mir davon."
"So laß mich wenigstens ein wenig hineinschauen." Peter nahm den
Sack, öffnete ihn ein wenig, und der Löwe fuhr gierig mit dem
Kopf hinein, blieb aber zwischen dem Leim und den Federn
stecken. Peter lief nun schnell zur lachenden Blume, pflückte
sie und jagte davon.
Alsdann kam er zu dem Drachensee, den er durchschwimmen musste.
Sogleich kamen die Drachen und öffneten ihre ungeheuren Rachen,
um ihn zu verschlingen. Peter aber nahm schnell den aufbewahrten
Speck aus der Tasche, warf jedem ein Stück in den Rachen und
schwamm hurtig durch den See.
Als Peter an das andere Ufer des Sees kam, erblickte er sogleich
den schwarzen Riesen mit der Kugel. Er saß an einem Felsen,
seine Füße waren an demselben festgeschmiedet, und in der Hand
hielt er die Kugel. In seinem großen Kopf hatte er sechs
Augen. Zum Glück für Peter waren gerade die zwei Augen
geschlossen, welche nach ihm die Richtung hatten.
Peter stieg vom Füllen, verbarg sich hinter einem Gebüsch und
fing nun wie eine Lerche zu singen an, wobei dem Riesen ein Auge
zufiel. Darauf ahmte er den Schlag der Nachtigall nach, und es
fielen dem Riesen noch zwei Augen zu. Dann pfiff er ein Liedchen
auf seiner Pfeife, und das letzte Auge des Riesen schloss sich
ebenfalls. Schnell eilte Peter zu seinem Füllen, zog es vor dem
Riesen vorbei und gelangte so zu dem Lustgarten. Dies war ein
Garten voll von schönen Früchten, Blumen, und an jedem Ende des
Gartens standen gedeckte Tafeln voll der köstlichsten Speisen.
Peter zog aber gleich seine Mütze über die Augen und gelangte so
fort.
Nun musste er auch noch durch einen Fluss schwimmen. Am anderen
Ufer saß ein Weib, das war schwarz gekleidet, und ihr Gesicht
war gelb.
"Komm näher", sagte sie, "dass ich mich zu dir auf das Pferd
setzen kann."
Peter ließ es geschehen und fragte: "Wie heißt Ihr denn?"
"Pest!" versetzte das Weib.
Peter erschrak und wollte sich in den Fluss stürzen.
Die Pest aber sagte: "Bleib nur sitzen, denn ich helfe dir ja,
dass der Zauberer stirbt. Du musst ihm den Apfel geben, den du
von dem Baum gepflückt hast, der vom Zwerge bewacht war. Er wird
davon kosten, dann berühre ich ihn, und er muss sogleich
sterben."
"Wie bekomme ich aber dann die Lanze und die Schale?" fragte
Peter.
"Die lachende Blume, welche du besitzt, öffnet dir alle Türen
und selbst die eiserne Tür, welche das Zimmer schließt, in der
die Lanze und die Schale liegen", erwiderte das Weib.
Endlich erreichten sie die Burg. Der Zauberriese lag unter einem
Thron und rauchte. Als er Peter sah, rief er: "Was, der blöde
Peter reitet auf meinem Füllen?"
"Ja", antwortete der, "ich bin es; dein Bruder gab mir das
Füllen, um dir zwei Geschenke zu bringen, nämlich einen Apfel
und dieses Weib, welches auf dem Pferd sitzt." Peter ließ das
Weib absteigen und gab dem Riesen den Apfel. Der Riese aß
sogleich von dem Apfel, da eilte die Pest hinzu, berührte ihn,
und der Riese sank tot zu Boden. Peter aber durchwanderte alle
Säle der Burg und kam endlich zu einer eisernen Tür; diese
sprang vor der lachenden Blume auf, die er in der Hand hielt,
und er fand dort die Schale und die Lanze.
Während er beides aufhob, erbebte die Erde, und die Burg war
verschwunden. Peter befand sich in einem dichten Wald; er ging
weiter, und bald erreichte er eine Stadt. Der König derselben
war vom Feind belagert und versprach dem, welcher die Stadt
retten werde, seine Tochter.
Peter ging sogleich zum König und erhielt die Erlaubnis, am
Kampf teilzunehmen. Er stellte sich an die Spitze des Heeres,
und alles fiel, was er mit seiner Lanze berührte. Wenn aber
einer von den Seinigen gefallen war, so eilte er hin und hielt
ihm die goldene Schale an die Lippen, und augenblicklich stand
der Tote wieder auf.
So trugen sie den Sieg über ihre Feinde davon. Peter erhielt die
Königstochter zur Gemahlin und wurde König über das ganze Land.



