Sagen - Polen - Der König im Berge
Auf einer Höhe bei Lauenburg in Kassuben
hatte sich im Jahre 1596 eine ungeheure Kluft aufgetan. Deren
Tiefe und wie sie innen beschaffen sei, hätte der Rat gern
erfahren; nun waren allda zu Lauenburg zwei Gefangene, das waren
zum Tode verurteilte Missetäter, denen bot der Rat Leben und
Freiheit, wenn sie es wagen wollten, hinab in die Tiefe zu
steigen und Kunde heraufzubringen von dem, was sie drunten
gesehen. Diese Missetäter fuhren hinab, tief, unendlich tief,
und als sie endlich drunten im Berge ankamen, da erblickten sie
einen großen und schönen Garten, und in dem Garten stand ein
Baum mit lieblicher weißer Blüte. Und unter dem Baume stand ein
Kind, das winkte den Männern und führte sie über einen weiten
Plan zu einem Schloss. Daraus klang vernehmlich mancherlei
Saitenspiel und liebliches Getöne, und wie das Kind den Männern
die Pforte öffnete, sahen sie drinnen im Saal einen=König auf
silbernem Suhle sitzen, der hielt in der einen Hand einen
goldenen Szepter und in der andern Hand einen Brief. Diesen
Brief gab der König in des Kindes Hand, und das Kind gab ihn den
Missetätern. Die brachten ihn herauf, und dann ward ihnen ewiges
Schweigen auferlegt, und sie wurden freigelassen, und niemals
hat jemand erfahren, was in dem Briefe gestanden hat.
Quelle: Ludwig Bechstein, Deutsches Sagenbuch, Leipzig 1853.



