Sagen - Polen - Marienkirche zu Danzig
Die Danziger Marienkirche (Ober-Pfarrkirche)
enthält viel Wunderbarliches, davon weit und breit erzählt wird.
über Sankt Hedwigs Kapelle, andere sagen vor der Kapelle der
elftausend Jungfrauen, ist ein Schnitzbild des gekreuzigten
Heilandes von unübertrefflicher Schönheit und grausenhafter
Wahrheit. Der Künstler, der dieses Bild fertigte, hatte, wie die
Sage geht, sich einen schönen Jüngling gewonnen und ihn an sich
gelockt mit mancherlei Verheißung, darunter auch die, ihm seine
Tochter, die der Jüngling liebte, zur Frau zu geben, habe ihn
aber, um ein wahrheit- und lebendigtreues Vorbild für sein
Kunstwerk zu haben, erst betäubt und dann an ein Kreuz
geschlagen, sein Sterben beobachtet und dann sein Gebilde
vollendet. Da nun aber über den Tod des Geliebten auch der
Tochter Herz brach, erfasste die Reue den Künstler, und er
endete sein Leben durch Selbstmord.
Ein Tabernakelschrein umschließt in derselben Kirche ein
wundersam liebliches Tonbild der heiligen Jungfrau. Der
Künstler, der dasselbe fertigte, tat dies im Gefängnis, wo er
auf den Tod saß. Als er sein Bild vollendet hatte, sandte er es
dem Rate der Stadt als ein Andenken für die Marienkirche. Wer
das Bild sahe, wurde von seiner Schönheit und dem jungfräulichen
Liebreiz ergriffen, den es zeigte. Da meinten die Väter der
Stadt, und alles Volk meinte das gleiche, dieser Künstler sei
ein Mann, den ein frommer und hoher Geist beseele und dem sein
Vergehen müsse verziehen werden. Solches ist denn auch
geschehen, und der Künstler hat nachher noch lange in Ehren
gelebt.
Wie im Münster zu Straßburg, so auch in der Pfarrkirche zu
Danzig war ein treffliches Uhrwerk, das hatte ein Meister aus
Nürnberg gefertigt, der hieß Hans Düringer. Zwei große Scheiben
zeigten Sonnen-, Planeten- und Mondeslauf, des Tierkreises
Bilder und die heiligen Feste und Zeiten. Wandelnd traten, in
sinnreichen Bildnissen ausgedrückt, die Evangelien von Sonntag
zu Sonntag vor die Augen der Frommen. Die zwölf Apostel
schritten im Kreise hervor, die Tagesstunden bezeichnend; über
ihnen schlugen Adam und Eva auf Glocken, die Stunden und
Viertelstunden anzuzeigen, und auch die Jahreszeiten waren
künstlich vorgestellt. Herrlich war das Werk im Gange und die
Bewunderung aller Welt. Da geschah, was auch in Straßburg sich
begab. Der Neid erwachte, der Künstler sollte kein zweites Werk
solcher Art vollbringen - er ward geblendet - gab vor, im
Uhrwerk noch etwas nachsehen zu müssen, ward hineingeführt,
hemmte durch einen einzigen Griff für immer des Werkes Gang und
stürzte sich vom Turme herunter.
Der Marienkirche höchster Stolz und höchster Schmuck ist ein
Gemälde des Jüngsten Gerichts, vollendet von den Künstlerhänden
der berühmten Maler Johann van Eyck und seines Bruders Georg.
Dieses herrliche Bild hatte der Papst für Rom bestellt, aber der
Himmel bestellte es für Danzig. Ein Seeräuber erbeutete das
Schiff, auf dem es nach der Heiligen Stadt befördert werden
sollte, aber ein Danziger Schifffahrer, der mit dem
Seeräuberschiff in Kampf kam und es eroberte, gewann es für sich
und schenkte es seiner Vaterstadt. Andere sagen, jenes
holländische Schiff sei gescheitert und das Bild samt seiner
Kiste fern im Meere schwimmend von einem Danziger Schiffer
aufgefunden worden. Der König von Frankreich habe vergebens eine
Tonne Goldes für das Bild geboten.
Auch versteinertes Brot wird in der Marienkirche zu Danzig
gezeigt, und geht davon mehr als eine Sage. Einmal habe zur Zeit
großer Hungersnot ein Mönch ein Brot in der Kutte getragen, und
ein hungernd Weib habe ihn für ihr verschmachtendes Kind um ein
Brotsamlein angefleht, er aber habe gesagt, er trage kein Brot,
er trage nur einen Stein, und da sei über den Notschrei der Frau
das Brot alsbald zu Stein geworden.
Aber es wird auch gesprochen, dass eine reiche Danziger Frau in
der Zeit derselben Hungersnot ihr schönes und sehr geliebtes
kleines Kind, da es sich verunreinigt hatte, weil Tuch und
Schwamm ihr nicht sanft und weich genug für des Kindes zarte
Haut gewesen, mit Semmelkrumen abgeputzt habe, da wäre ihr unter
der Hand die Krume zu einem rauen Steine geworden, der des
Kindes Haut blutrünstig gerissen, dass es an der nimmer
heilenden Wunde gestorben, worüber die Mutter in Wahnsinn
verfallen.
Ganz ähnlich wie die von dem Brotstein des Danziger Mönchs
lautet auch eine Sage vom Brotstein im Kloster Oliva (berühmt
durch den Friedensschluss 1660) nahe bei Danzig, allwo der
Brotstein noch hängt und außer der einen noch manche andere
Sagen von ihm erzählt werden. Er soll sogar noch wie Brot
riechen.
Quelle: Ludwig Bechstein, Deutsches Sagenbuch, Leipzig 1853.



