Sagen - Polen - Romove
Wo die heilige Eiche der alten Preußen stand,
war eine große Stadt, und die hatte von ihren Erbauern, welche
einen Heereszug gen Rom gemacht hatten, den Namen Roma nova
erhalten, daraus ward in der Folge Romove. Die Eiche war sechs
Ellen im Durchmesser, Sommer und Winter blieb sie grün, und
durch ihr dichtes Gezweig und Laub fiel nicht Regen noch Schnee.
Ringsum war durch acht Ellen hohe seidene Vorhänge ihres Stammes
Anblick den Uneingeweihten entzogen. Drei Götter wurden unter
dieser heiligen Eiche verehrt, das waren Perkunos, der
Donnergott, Pikollos, der Todesgott, und Potrimpos, der
Kriegsgott und der Ernten. Geopfert wurden diesen Göttern alle
Christen, welche die heidnischen Preußen in ihre Gewalt bekamen.
Außer dieser heiligen Eiche standen deren noch mehr im alten
Preußenlande, alle vom Volke hochverehrt und beschirmt, so eine
nahe bei Wehlau an der Straße von Königsberg nach Ragnit; eine
andere stand am Flüsschen Bachnau, ohnweit dem Frischen Haff,
eine dritte eine Stunde davon, wo die Stadt Thorn liegt, nach
dem Meeresstrande zu. Die heiligen Eichen und selbst die Plätze,
darauf sie gestanden, blieben noch lange lange Zeit beim Volke
in hohen Ehren, als längst schon das Christentum ihm mit Feuer
und Schwert gepredigt worden war.
Als dies geschehen, wurde zu Romove eine Kirche und ein Kloster
erbaut, es ist aber damit, wie mit der ganzen Stadt, zum Ende
gediehen, und es ist kaum noch eine Spur mehr von Stadt, Kirche
und Kloster vorhanden.
Quelle: Ludwig Bechstein, Deutsches Sagenbuch, Leipzig 1853.



